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Wissenswertes über Meerschweinchen

Mycoplasmose bei Meerschweinchen

Linda Maria Koldau

Während die Lebenserwartung von Hausmeerschweinchen gemeinhin als sechs bis acht Jahre angegeben wird, fällt Haltern und Tierärzten seit ungefähr zehn Jahren auf, dass viele Meerschweinchen bereits im Alter von drei bis vier Jahren ernsthaft erkranken und versterben. Tiere, die diese Krise überstehen, können ein höheres Alter erreichen. Immer öfter aber sterben Meerschweinchen gerade im besten Alter, häufig an Lungenentzündung – oder sie stellen einfach das Fressen ein, ohne dass ein triftiger Grund zu erkennen ist.
Hinter diesem rätselhaften Meerschweinchensterben steht vermutlich in vielen Fällen die Mycoplasmose, eine bakterielle Infektionskrankheit, die sich in den letzten Jahren geradezu epidemieartig verbreitet. Nicht-offiziellen Schätzungen zufolge sind 60 bis 70% des weltweiten Meerschweinchenbestands infiziert – das heißt, dass rein statistisch in jeder größeren Gruppe mindestens ein Tier Mycoplasmoseträger sein dürfte. Damit aber werden auch die anderen Tiere infiziert, denn die Mycoplasmose ist hochansteckend. Glücklicherweise bleiben viele Tiere zeitlebens stille Träger. Sie entwickeln keine Symptome und können ein normales Meerschweinchenleben bis ins hohe Alter führen. Wenn aber Symptome zutage treten, ist die Behandlung schwierig und oft wirkungslos – die Tiere sterben einen langsamen Tod.

 

Was sind Mycoplasmen?

Mycoplasmen sind die kleinsten zur eigenständigen Vermehrung fähigen Bakterien. Sie besitzen keine Zellwand und sind daher vielgestaltig. Dadurch können sie sich hervorragend an ihre Umgebung anpassen. Sie können inner- und außerhalb von Zellen existieren und sowohl mit als auch ohne Sauerstoff überleben. Als parasitäre Bakterien besiedeln Mycoplasmen vorzugsweise Schleimhäute. Betroffene Organe sind vor allem Lunge und die oberen Atemwege (inklusive Rachen und Mundhöhle) und der Genitalbereich. Außerdem können Mycoplasmen Gelenksentzündungen, Außen- und Mittelohrentzündungen sowie Polyserositis (Entzündungen von Brustfell, Bauchfell und der Auskleidung des Herzbeutels) verursachen.

Es gibt Hunderte von Stämmen dieses Bakteriums; viele davon sind pathogen. Bei Menschen lösen vor allem Mycoplasma pneumoniae und Mycoplasma hominis Erkrankungen aus, unter anderem die spezifische Mycoplasmen-Lungenentzündung.

Mycoplasmen in der Veterinärmedizin

In den Nutztierbeständen spielen Mycoplasmen eine fatale Rolle: So verursachen sie die Lungenseuche der Rinder, Lungen- und Gelenksentzündungen bei Kälbern, Euterentzündung bei Schaf, Ziege und Kuh, chronische Atemwegserkrankungen beim Geflügel, die Enzootische Pneumonie beim Schwein und weitere Erkrankungen, die Lunge, Atemwege, Bindehäute und Gelenke betreffen. Bei den Heimtieren sind vor allem Katzen und Nager betroffen: Mycoplasmen sind als Erreger am Katzenschnupfenkomplex beteiligt und sorgen bei Ratten und Mäusen für Erkrankungen der oberen Atemwege.

Letzteres gilt auch für Meerschweinchen. 1970 wurde der Stamm Mycoplasma caviae identifiziert (Hill 1971), der bei Meerschweinchen Lungenentzündungen und chronische Entzündungen in Mundraum und Rachen verursacht. Die hohe Pathogenität dieses Stamms wie auch die zunehmende Verbreitung unter Meerschweinchen zeichnen sich allerdings erst seit einigen Jahren ab. Bislang gibt es – mit Ausnahme einer pathologischen Studie (Blazey 2017) – noch keine Literatur zu dieser schwerwiegenden Meerschweinchenkrankheit.

Die typischen Krankheitsverläufe bei Meerschweinchen

Die Übertragung erfolgt als Tröpfcheninfektion über Atemluft und direkten Kontakt im Gehege. Meerschweinchen können sich darüber hinaus durch die Aufnahme von angeknabbertem Futter, über infiziertes Inventar oder auch durch den Halter (ungewaschene Hände nach Berührung eines infizierten Tieres) anstecken.
Die zwei häufigsten Verläufe der Mycoplasmose sind
1. akute Lungenentzündung
2. langsam fortschreitende Entzündung der oberen Atemwege

In beiden Fällen stellt das Meerschweinchen das Fressen ein. Die Lungenentzündung lässt sich durch Abhorchen der Lunge und Röntenaufnahmen diagnostizieren; häufig geht sie mit einem vergrößerten Herzen und Wasser in der Lunge einher. Die pathologische Untersuchung zeigt Blutungsherde im Lungengewebe und eine Verwachsung der Lungenlappen (Blazey 2017). Diese dramatischen Veränderungen des Lungengewebes weisen darauf hin, dass eine Mycoplasmose-Pneumonie beim Meerschweinchen nicht heilbar ist und in der Regel zum Tod führt.

Der zweite Verlauf ist langwieriger. Er äußert sich zunächst durch geringen Appetit, bis das Meerschweinchen (meist nach einigen Tagen) die selbstständige Futteraufnahme ganz einstellt. Durch regelmäßiges Päppeln kann das Gewicht des Tieres einigermaßen gehalten werden. Wenn es jedoch nicht innerhalb kurzer Zeit wieder zu fressen beginnt, ist der Verlauf fast immer tödlich: Schmerzhafte Entzündungen und Eiterherde im Mund- und Rachenraum machen dem Meerschweinchen das Fressen unmöglich.
Da die Mycoplasmose meist Tiere im besten Alter trifft, sterben erkrankte Tiere in der Regel nicht von selbst, sondern müssen, sobald sich die Aussichtslosigkeit ihres Zustands bestätigt, eingeschläfert werden.

Therapie und Pflege

Meerschweinchen, die an Mycoplasmose erkrankt sind, müssen unbedingt tierärztlich behandelt werden: Eine Antibiose ist unabdingbar. Leider gibt es jedoch kein Antibiotikum, das gezielt und erfolgreich gegen Mycoplasma caviae eingesetzt werden kann. Gängige antibiotische Wirkstoffe sind Doxycyclin, Enrofloxacin, Oxytetracyclin und Acitromycin. Da die Mycoplasmen einen hohen Grad an Resistenz aufweisen, muss die Antibiose über längere Zeit, gegebenenfalls unter Wechsel des Antibiotikums, erfolgen. Zusätzlich sind Schmerzmittel empfehlenswert.
Diese Behandlung kann tierheilpraktisch durch ein breites Spektrum an Mitteln und Methoden unterstützt werden (siehe Online Kurs). Auf jeden Fall müssen erkrankte Tiere durchgehend gepäppelt, d.h. zwangsgefüttert werden. Der Päppelbrei kann mit Mitteln zur Immunstärkung und natürlichen Antibiotika (z.B. Kapuzinerkresse, Propolis, Schwarzkümmel, Manukahonig) kombiniert werden. Wärme (Rotlicht oder Wärmflasche) wird von erkrankten Tieren gerne angenommen; dabei ist aber sicherzustellen, dass das Tier den Wärmebereich im Gehege jederzeit verlassen kann. Zur Unterstützung der Atemwege kann man die Tiere auch isotonische Kochsalzlösung (über einen Ultraschallnebler) inhalieren lassen, gegebenenfalls mit Zusatz von ätherischen Ölen.

Überlebenschancen und Euthanasie

Leider sind die Überlebenschancen bei einer aktiven Mycoplasmose sehr gering. Nimmt das Meerschweinchen noch selbstständig Futter auf, so kann es – unterstützt durch Antibiotika und Päppeln – einen aktiven Schub überleben. Dadurch ist es allerdings nicht immunisiert; Symptome können immer wieder auftreten.
Je länger man päppeln muss, desto geringer sind die Aussichten, dass das Meerschweinchen wieder selbstständig zu fressen beginnt. Hier sollte der Tierarzt regelmäßig prüfen, ob die Zähne (vor allem die Backenzähne) in Ordnung sind und ob es eindeutige Entzündungsanzeichen im Mund- und Rachenraum gibt. Häufig treten bei Mycoplasmose-Patienten nach einiger Zeit Eiterherde im Rachenraum auf, die sich als resistent gegen eine Behandlung mit Antibiotika erweisen. Für diese Tiere ist die Futteraufnahme (auch durch eine Päppelspritze) zuletzt so schmerzhaft, dass die Euthanasie eine Erlösung bedeutet. Dies ist für die Halter und die betroffenen Meerschweinchen umso schmerzhafter, als die Tiere rein körperlich in guter Verfassung sein und deutlichen Appetit zeigen können – aber das Fressen ist ihnen unmöglich geworden.

Prophylaxe

Ein Hauptproblem bei der Mycoplasmose der Meerschweinchen ist das geringe Wissen und das mangelnde Allgemeinbewusstsein um diese hochansteckende Infektionskrankheit.
Dass Tiere, die aus einem Zoogeschäft, aus einer Zucht oder aus einer Notstation stammen, Mycoplasmoseträger sein können, ist bislang den Wenigsten bewusst. Rechtlich gelten Bestände als mycoplasmosefrei, so lange kein positiver Befund vorliegt – eine Testung der vorhandenen Tiere vor Abgabe ist jedoch nicht vorgeschrieben. Da der Test hohe Kosten verursacht, wird sich an der bisherigen Praxis auch kaum etwas ändern. Gerade dies trägt jedoch in vielen Fällen zur unbewussten Ausbreitung der Mycoplasmose bei. Grundsätzlich gilt: Meerschweinchenhalter können sich nicht darauf verlassen, dass ein Tier aus einem Zoogeschäft, von einem Züchter oder aus einer Notstation mycoplasmosefrei ist, es sei denn, dies wird ausdrücklich angegeben und nachgewiesen. Fatalerweise wird ein Mycolasmoseträger die weiteren Tiere eines Bestands anstecken – schlimmstenfalls kann dies zum Tod der ganzen Gruppe führen.
Wer sichergehen will, dass ein neues Tier garantiert mycoplasmosefrei ist, muss es beim Tierarzt testen lassen. Dies ist nicht nur mit hohen Kosten verbunden, gleichzeitig ist auch sicherzustellen, dass die bereits vorhandenen Tiere ebenfalls mycoplasmosefrei sind.
Wird eine Infektion mit Mycoplasmen festgestellt, muss das allerdings noch nicht heißen, dass die Tiere auch Symptome entwickeln. Hier ist dann darauf zu achten, dass sie möglichst stressfrei in guter Haltung leben können (harmonische Gruppenzusammenstellung, ausreichend Platz, gesundes Futter, sauberes Gehege, kein Zwangskuscheln). Dies ist zwar keine Garantie dafür, dass keine Symptome auftreten werden, umgekehrt schwächt Stress das Immunsystem, was wiederum die Entwicklung von Symptomen begünstigt.
Erkrankt ein Tier, muss das nicht bedeuten, dass auch die anderen Tiere in der Gruppe Symptome entwickeln. Tatsächlich scheinen manche Tiere – obwohl zweifellos infiziert – geradezu resistent gegen das Auftreten von Symptomen zu sein; sie überleben auch einen wochenlangen engen Kontakt zu erkrankten Tieren. Eine Isolation von erkrankten Tieren ist daher bei Meerschweinchen (die als obligat soziale Tiere unbedingt in Rudeln leben sollten) nicht sinnvoll: Wenn das erkrankte Tier nicht gerade angebissenes Futter um sich verstreut und so zu einer Gefahr für seine Mitbewohner wird, sollte es nicht isoliert werden, denn das bedeutet Stress für den Patienten und die anderen Gruppenmitglieder.
Hilfreich ist auf jeden Fall eine Stärkung des Immunsystems, die über das Futter erfolgen kann. Gleichzeitig sollten Halter täglich prüfen, ob alle Tiere zur Fütterung kommen und sich mit dem üblichen Enthusiasmus darüber hermachen – das ist grundsätzlich der beste Weg, um Gesundheit und Wohlbefinden von Meerschweinchen zu erkennen.

Literatur

Blazey, Birgit (2017): Mykoplasmenpneumonie des Meerschweinchens Ein Bericht aus unserem Laboralltag
https://www.ua-bw.de/pub/beitrag.asp?subid=1&Thema_ID=8&ID=2552 (05.09.2017).
Hill A. (1971): Mycoplasma caviae, a new species. J Gen Microbiol. 1971 Jan;65(1):109–113.

Hilfreiche Webseiten
Appelhagen, Heike (2007): Atemwegserkrankung/Mycoplasmose bei Mäusen, https://www.salat-killer.de/maus/myco.html (12.08.2007, Update: 02.06.2008).
Noack, Christine Elizabetha: Mycoplasmose bei Mäusen, https://das-maeuseasyl.de/gesundheit/erkrankungen/mycoplasmose-bei-mausen/

Webinar mit umfassenden Informationen zu Behandlung und Pflege:
Linda Maria Koldau, Mycoplasmose – der schleichende Meerschweinchentod, zum Kurs

 

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